Gedichte von Christian Morgenstern
(1871-1914)
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Leise Lieder
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Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
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Lieder, die kein sterblich Ohrvernimt,
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noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
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noch der Mond, der still im Äther schwimmt;
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denen niemand als das eigne Herz,
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das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
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und an denen niemand als der Schmerz,
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der sie zeugt, sich kumervoll berauscht.
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Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
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dir, in deren Aug mein Sinn versank,
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und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
- meine Seele ewige Sehnsucht trank.
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Die zwei Wurzeln
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Zwei Tannenwurzeln
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unterhalten sich im Wald.
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Was droben in den Wipfeln rauscht, das wird hier unten ausgetauscht.
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Ein altes Eichhorn sitzt dabei und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
- Die eine sagt knig, die andere sagt knag.
Das ist genug für einen Tag.
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Die drei Spatzen
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In einem leeren Haselstrauch, da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
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Der Erich rechts und links der Franz und mittendrin der freche Hans.
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Sie haben die Augen zu, ganz zu, und obendrüber, da schneit es, hu!
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Sie rücken zusammen dicht an dicht, so warm wie Hans hat's niemand nicht.
- Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.
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Farbenglück
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Ist nicht dies das höchste Farbenglück: Birkenlaub in Himmelblau gewirkt? Doch schon winkt ein graublaues Felsenstück, dunklen Epheus sprunghaft überzirkt. Und schon sinkt mein Blick in grüne Wiesen und in Wasser und in weißen Dunst - und ich weiß nicht, wem von allen diesen schenk ich meine Gunst und meine Kunst...
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Die schneebedeckten Gipfel rötet Abendlicht. Die Heiterkeit der Gletscher! Keines Menschen Fuß entweiht des Himmels kühles, reines Höh´ngeschenk, den Blütenschnee vom Weltbaum der Erkenntnis. Ein Regenbogen wächst von ihnen zu mir her, - die einzige Brücke zu der grünen Welt und mir. Und flüchtig misst mein leichter Geist die bunte Bahn - und salbt sich mit dem roten, reinen, kühlen Schnee... Und schon verblasst Rückeilendem so Luft wie Firn.
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