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Gedichte von Theodor Storm
1817-1888
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An einem schönen Sommerabende
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Lieblich senkt die Sonne sich, Alles freut sich wonniglich In des Abends Kühle! Du gibst jedem Freud und Rast, Labst ihn nach des Tages Last Und des Tages Schwüle.
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Horch, es lockt die Nachtigall, Und des Echos Widerhall Doppelt ihre Lieder! Und das Lämmchen hüpft im Tal, Freude ist jetzt überall, Wonne senkt sich nieder!
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Wonne in des Menschen Brust, Der der Freud ist sich bewußt, Die ihm Gott gegeben, Die du jedem Menschen schufst, Den aus nichts hervor du rufst Auf zum ew'gen Leben.
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Die Nachtigall
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Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.
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Sie war doch sonst ein wildes Blut; Nun geht sie tief in Sinnen, Trägt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut Und weiß nicht, was beginnen.
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Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.
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Im Herbste
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Es rauscht, die gelben Blätter fliegen, Am Himmel steht ein falber Schein; Du schauerst leis und drückst dich fester In deines Mannes Arm hinein.
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Was nun von Halm zu Halme wandelt, Was nach den letzten Blumen greift, Hat heimlich im Vorübergehen Auch dein geliebtes Haupt gestreift.
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Doch reißen auch die zarten Fäden, Die warme Nacht auf Wiesen spann - Es ist der Sommer nur, der scheidet; Was geht denn uns der Sommer an!
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Du legst die Hand an meine Stirne Und schaust mir prüfend ins Gesicht; Aus deinen milden Frauenaugen Bricht gar zu melancholisch Licht.
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Erlosch auch hier ein Duft, ein Schimmer, Ein Rätsel, das dich einst bewegt, Daß du in meine Hand gefangen Die freie Mädchenhand gelegt?
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O schaudre nicht! Ob auch unmerklich Der schönste Sonnenschein verrann - Es ist der Sommer nur, der scheidet; Was geht denn uns der Sommer an!
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Hyazinthen
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Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht, Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen. Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.
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Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß; Die Kerzen brennen und die Geigen schreien, Es teilen und es schließen sich die Reihen, Und alle glühen; aber du bist blaß.
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Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt! Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt. - -
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Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen. Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.
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Abends
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Warum duften die Levkoien so viel schöner bei der Nacht? Warum brennen deine Lippen so viel röter bei der Nacht? Warum ist in meinem Herzen so die Sehnsucht auferwacht, Diese brennend roten Lippen zu küssen bei der Nacht? -
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Gesegnete Mahlzeit
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Sie haben wundervoll diniert; Warm und behaglich rollt ihr Blut, Voll Menschenliebe ist ihr Herz, Sie sind der ganzen Welt so gut.
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Sie schütteln zärtlich sich die Hand, Umwandelnd den geleerten Tisch, Und wünschen, daß gesegnet sei Der Wein, der Braten und der Fisch.
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Die Geistlichkeit, die Weltlichkeit, Wie sie so ganz verstehen sich! Ich glaube, Gott verzeihe mir, Sie lieben sich herzinniglich.
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Morgens
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Nun gib ein Morgenküßchen! Du hast genug der Ruh; Und setz dein zierlich Füßchen Behende in den Schuh!
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Nun schüttle von der Stirne Der Träume blasse Spur! Das goldene Gestirne Erleuchtet längst die Flur.
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Die Rosen in deinem Garten Sprangen im Sonnenlicht; Sie können kaum erwarten, Daß deine Hand sie bricht.
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Zur Nacht
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Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen Frieden! Nun sind wir unser; von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden.
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Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt, Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden; Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt, Mich deiner Stimme lieben Laut empfinden!
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Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt Zu seinem Strande lockender und lieber; Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt, Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber.
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Kritik
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Hör mir nicht auf solch Geschwätze, Liebes Herz, daß wir Poeten Schon genug der Liebeslieder, Ja zuviel gedichtet hätten.
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Ach, es sind so kläglich wenig, Denn ich zählte sie im stillen, Kaum genug, dein Nadelbüchlein Schicklich damit anzufüllen.
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Lieder, die von Liebe reimen, Kommen Tag für Tage wieder; Doch wir zwei Verliebte sprechen: Das sind keine Liebeslieder.
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Februar
Im Winde wehn die Lindenzweige, Von roten Knospen übersäumt; Die Wiegen sinds, worin der Frühling Die schlimme Winterzeit verträumt.
März
Und aus der Erde schauet nur Alleine noch Schneeglöckchen; So kalt, so kalt ist noch die Flur, Es friert im weißen Röckchen
April
Das ist die Drossel, die da schlägt, Der Frühling, der mein Herz bewegt; Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen. Das Leben fließet wie ein Traum - Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
Mai
Die Kinder schreien »Vivat hoch!« In die blaue Luft hinein; Den Frühling setzen sie auf den Thron, Der soll ihr König sein.
Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, All, all, die da blühten am Mühlengraben. Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest In ihren kleinen Fäusten haben.
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Juli
Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm herniedersieht, Seine Ähren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur - Junge Frau, was sinnst du nur?
August
Inserat
Die verehrlichen Jungen, welche heuer Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken, Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Wo möglich insoweit sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten
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Im Garten
Hüte, hüte den Fuß und die Hände, Eh sie berühren das ärmste Ding! Denn du zertrittst eine häßliche Raupe Und tötest den schönsten Schmetterling.
Und war es auch ein großer Schmerz
Und war es auch ein großer Schmerz, Und wär's vielleicht gar eine Sünde, Wenn es noch einmal vor dir stünde, Du tätst es noch einmal, mein Herz.
Zur Taufe
Ein Gutachten
Bedenk es wohl, eh du sie taufst! Bedeutsam sind die Namen; Und fasse mir dein liebes Bild Nun in den rechten Rahmen. Denn ob der Nam' den Menschen macht, Ob sich der Mensch den Namen, Das ist, weshalb mir oft, mein Freund, Bescheidne Zweifel kamen; Eins aber weiß ich ganz gewiß: Bedeutsam sind die Namen! So schickt für Mädchen Lisbeth sich, Elisabeth für Damen; Auch fing sich oft ein Freier schon, Dem Fischlein gleich am Hamen, An einem ambraduftigen, Klanghaften Mädchennamen.
Blumen
Sie kommen aus dem Schoß der Nacht; Doch wären unten sie geblieben, Wenn nicht das Licht mit seiner Macht Hinauf ins Leben sie getrieben.
Holdselig aus der Erde bricht's Und blüht nun über alle Schranken; Du bist der Freund des holden Lichts; Laß dir des Lichtes Kinder danken!
Verirrt
Ein Vöglein singt so süße Vor mir von Ort zu Ort; Weh, meine wunden Füße! Das Vöglein singt so süße, Ich wandre immerfort.
Wo ist nun hin das Singen? Schon sank das Abendrot; Die Nacht hat es verstecket, Hat alles zugedecket - Wem klag ich meine Not?
Kein Sternlein blinkt im Walde, Weiß weder Weg noch Ort; Die Blumen an der Halde, Die Blumen in dem Walde, Die blühn im Dunkeln fort.
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